„Lorenzo Da Ponte in Wien“, Ausstellungsserie im Gustav Mahler-Saal der Wiener Staatsoper anlässlich der Aufführungen von Così fan tutte, Don Giovanni und Le nozze di Figaro, 2003/2004

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Mozarts Da Ponte Opern –
Lorenzo Da Ponte in Wien



Così fan tutte


vom 13. März bis 27. April 2003
Wiener Staatsoper, Gustav Mahler-Saal

Teil der Ausstellung
Mozarts Da Ponte Opern – Lorenzo Da Ponte in Wien
Oper und Aufklärung im Zeitalter Josephs II.

anlässlich der Übernahme von Così fan tutte aus dem Theater an der Wien in der Inszenierung von Roberto de Simone.

Mozart kennt jeder – wer aber kennt Emanuele Conegliano? Kaum jemand, und wenn doch, dann nicht unter diesem Namen. Geboren ist er 1749 in Ceneda (heute Vittorio Veneto), gestorben 1838 in New York. Als junger Mann lebte er in Venedig. Affären mit Frauen, aber auch politische Verwicklungen, brachten ihm die Verbannung ein – 1781 kam er über einige Umwege nach Wien und wurde von Joseph II. zum „Dichter der kaiserlichen Theater“ ernannt. Ein Italiener musste es sein, denn der Kaiser wollte am Burgtheater kein deutsches Singspiel, sondern vor allem italienische Opern spielen – seine Absicht war es „Wiener Italienische Opern“ zu produzieren. Aber Conegliano hatte noch kein einziges Libretto verfasst, doch Joseph II. war offenbar sehr beeindruckt von ihm. Als der Kandidat seine Unerfahrenheit im Librettoschreiben eingestand, soll der Kaiser gesagt haben:
„Gut, gut, da werden wir eine jungfräuliche Muse haben.“

Allerdings agierte Wiens „jungfräuliche Muse“ bereits unter dem Taufnamen: als sein Vater mit der ganzen Familie vom Judentum zum Katholizismus konvertierte, erhielt Conegliano junior den Namen des Bischofs aus seinem Geburtsort – Lorenzo Da Ponte. Unter diesem Namen ist er freilich bekannt: Er war es, der die Libretti für drei große Opern Mozarts schrieb: Le Nozze di Figaro, Così fan tutte und Don Giovanni. Mit dieser Leistung ist Da Ponte zwar unsterblich geworden, steht aber seither auch im Schatten des Komponisten. Er selbst war keineswegs zufrieden mit diesem Platz. Als man im Jahr 1819 den Don Giovanni in London aufführte, stellte Da Ponte eindeutig klar:
„der Erfolg einer Oper hängt zu allererst vom Dichter ab.“

Kein Zweifel also, dass Lorenzo Da Ponte kein Diener der Komponisten war, sondern ihr selbstbewusster Partner. Nicht nur für Mozart hat er Libretti verfasst, sondern etwa auch für Vincenzo Martini. Dessen Oper Una Cosa rara (Ein seltener Fall) entfachte seinerzeit in Wien ein wahres „Cosa rara-Fieber“: Musik und Text der Oper waren in aller Munde. Selbst heute kennt man Una Cosa rara noch – allerdings nur, weil Mozart und Da Ponte ein Stück aus ihr als Tafelmusik im
Don Giovanni spielen ließen.

Ein anderer Komponist, der sich von Da Pontes Texten inspirieren ließ, war Antonio Salieri. Zwar schwor er nach dem ersten gemeinsamen Werk, einem Misserfolg, nie mehr mit Da Ponte zusammenzuarbeiten, hielt sich aber nicht an seinen Vorsatz. Nach Da Pontes Text entstand die Oper Axur, Re d’Ormus, die in ganz Europa auf den Spielplänen stand. Ein weiteres gemeinsames Projekt trug den Titel Così fan tutte: Salieri begann mit der Vertonung, scheint sich dann aber doch seines alten Schwurs erinnert zu haben – jedenfalls brach die Zusammenarbeit mit Da Ponte ab. Es ist bekannt, wer die Oper an seiner Stelle komponierte: Wolfgang Amadeus Mozart, der zusammen mit Da Ponte Così fan tutte zu einer der raffiniertesten, vieldeutigsten Opern der Musikgeschichte machte.

Nach der Uraufführung von Così fan tutte starb Joseph II. Dem Nachfolger Leopold, der dem Textdichter nicht gnädig gesonnen war und bei dem dieser keine Audienz erwirken konnte, schrieb Da Ponte: „Ich begehre Gerechtigkeit von Dir. Deine Gnade verlange ich nicht.“
So stolz durfte man in Wien nicht reden, Da Ponte wurde einmal mehr verbannt, ging nach London, und schließlich nach Amerika, wo er sich in vielerlei Berufen – Buchhändler, Professor u.a.m – durchschlug und schließlich im hohen Alter von 89 Jahren starb.

Kurator: Herbert Lachmayer
Konzept: Herbert Lachmayer und Reinhard Eisendle
Produktion: Rosemarie Burgstaller



Don Giovanni


vom 5. Juni bis 20. Juni 2003
Wiener Staatsoper, Gustav Mahler-Saal

Teil der Ausstellung
Mozarts Da Ponte Opern – Lorenzo Da Ponte in Wien
Oper und Aufklärung im Zeitalter Josephs II.

anlässlich der Übernahme von Don Giovanni aus dem Theater an der Wien in der Inszenierung von Roberto de Simone.

Riskanter Liebesaffären und seiner politisch freien Gesinnung wegen aus Venedig verbannt kam Lorenzo Da Ponte 1781 nach Wien. Zehn Jahre später hatte er aber auch diese Stadt nach dem Tod Josephs II., seines Gönners und Bewunderers, als ein Verbannter zu verlassen. Das reichhaltige Werk des Opernpoeten während seiner Wiener Zeit, verwoben mit den drastischen Wechselfällen seiner bewegten Lebensgeschichte, kam ausführlich zur Darstellung.

Im Besonderen wurde die Oper Don Giovanni beleuchtet: ihre Entstehungsgeschichte, ihre Quellen und Motive, ihre thematischen Intentionen, die psychische Disposition des Titelhelden sowie der Protagonistinnen um ihn herum – vor dem Hintergrund eines der wohl spannendsten Jahrzehnte Europas im ausgehenden 18. Jahrhundert, des Début du Siècle der Jetzt-Zeit gewissermaßen, wie der des modernen Individualismus zwischen visionärer Aufklärung und latenter Romantik.

Die Grunddisposition des erotomanischen Libertins, des exzessiven Exzentrikers eines radikalisierten Lustprinzips, zeigt uns aber auch die Positionen der Frauen aus der Zeit sowie die Ambiguität zwischen emotionaler Obsession und einer schon erodierenden Aufklärung. „Viva la libertà“ ist nicht allein politische Maxime, sondern auch die kollektive Aufforderung zur Freiheit von Sinnlichkeit und erotischer Freizügigkeit für alle. Die dramatische Zuspitzung der unausweichlichen Handlungsverflechtungen Don Giovannis bis zu seinem „Shakehand“ mit dem Komtur und die anschließende Höllenfahrt, zeigen uns nicht nur einen beziehungsunfähigen Autisten, der um die Maximierung sexueller Befriedigung rotiert, sondern auch einen Lustbesessenen, der eben das ständig sich steigernde Risiko seiner Liebesinszenierungen braucht, um seine sexuelle Ekstase zu erhalten – Risiko und Lust bleiben eskalierend aneinander gebunden. Headlines wie: Erregungsstrategien, Rationalismus und Aufklärung, Diesseits der Moral, Tanz und Traum, Mille e Tre aber auch die Problematisierung seines weiblichen Gegenbilds Donna Giovannina fokussierten die Themen, die für das Verständnis von Don Giovanni relevant sein mögen.

Kurator: Herbert Lachmayer
Konzept: Herbert Lachmayer und Reinhard Eisendle
Produktion: Elisabeth Kamenicek



Le nozze di Figaro


vom 26. Februar bis 31. März 2004
Wiener Staatsoper, Gustav Mahler-Saal


Teil der Ausstellung
Mozarts Da Ponte Opern – Lorenzo Da Ponte in Wien
Oper und Aufklärung im Zeitalter Josephs II.

Mit La folle giornata o sia Le Nozze di Figaro (Der Tolle Tag oder Die Hochzeit des Figaro), am 1. Mai 1786 am alten Wiener Burgtheater uraufgeführt, beginnt die kongeniale Zusammenarbeit von Lorenzo da Ponte und Wolfgang Amadeus Mozart. Da Ponte erinnert sich in den Memorie, dass es Mozart war, der vorgeschlagen hat, Beaumarchais’ aufsehenerregendes Stück La folle journée ou Le Mariage de Figaro zur Grundlage einer Oper zu machen. Die Autoren entschieden sich somit für ein Stück, das in Wien zum damaligen Zeitpunkt mit einem Aufführungsverbot belegt war – ein solches erfolgte knapp vor der geplanten (deutschen) Wiener Erstaufführung durch die Theatertruppe Emanuel Schikaneders (2. Februar 1785) auf Intervention Josephs II. Der Druck war hingegen zugelassen, und so konnte Beaumarchais’ Komödie, übersetzt von Johann Rautenstrauch, in Wien kursieren. Textdichtung wie Komposition der – vermutlich im Spätsommer desselben Jahres begonnenen – Oper erfolgte zunächst ohne Auftrag. Da Ponte vermochte, wie er selbst erzählt, Joseph II. unter Hinweis auf die von ihm eliminierten anstössigen Stellen von der „Oper ohne Auftrag“ zu überzeugen – dem Kaiser mag sie als Lehrstück für das überwiegend aristokratische Opernpublikum nicht ungelegen gewesen sein.

„Es ist empörend, dieses Stück wird nie gespielt. Man müsste die Bastille abtragen, damit die Aufführung dieses Stückes nicht ein gefährlicher Leichtsinn sei. Dieser Mann beschimpft alles, was an einer Regierung ehrbar ist.“ So soll sich Ludwig XVI. nach einer Lesung von Beaumarchais’ La folle journée ou Le Mariage de Figaro
in Versailles geäußert haben.

„Der Tolle Tag“ war schon 1781 fertiggestellt, doch fast drei Jahre vergingen bis zur ersten öffentlichen Aufführung im Frühjahr 1784. In diesen Jahren erwarb die Komödie bereits ihren legendären Ruf. Der Pariser Polizeipräsident lehnte das Stück als einen Angriff auf Religion, Sitten und Parlament ab. Dennoch kursierte der Text in den Pariser Salons wie in höfischen Kreisen. Er wurde auch in Versailles in Gegenwart des Königs gelesen, der sich nachdrücklich für ein Verbot sowohl des Drucks wie der Aufführung aussprach. Beaumarchais, der mittlerweile einige Äußerlichkeiten an seinem Werk geändert hatte, ließ die Romanze des Chérubin drucken – sie wurde auf die Melodie eines ironischen Gassenhauers über den Krieg gesungen und rasch populär. Im Juni 1783 war eine Aufführung in den Menues Plaisirs vorgesehen, die im letzten Moment vom König selbst untersagt wurde – die Öffentlichkeit nahm dies als deutlichen Affront wahr. Im September desselben Jahres kam es zur ersten Privat-Aufführung auf Schloß Gennevilliers durch die Comédiens Français. Interventionen hochadliger Unterstützer und die schließlich erteilte Zustimmung des französischen Königs ermöglichten die erste öffentliche, äußerst erfolgreiche Aufführung an der Comédie Française am 27. April 1784. Im Folgejahr erschienen die ersten Drucke des Werks.

Kurator: Herbert Lachmayer
Konzept: Herbert Lachmayer und Reinhard Eisendle
Produktion: Elisabeth Kamenicek

Fotos der Ausstellung: © Margherita Spiluttini